Anabelle Thurn

Rufmord in der späten römischen Republik. Charakterbezogene Diffamierungsstrategien in Ciceros Reden und Briefen (Anabelle Thurn)

Im Zentrum der Dissertation steht die Analyse von Diffamierungen in Ciceros Reden und Briefen. Sie untersucht, auf welche Weise Cicero den Leumund, das Ansehen und damit auch den Rang von Mitgliedern seiner politischen Klasse schmälerte und auf welchen kulturspezifischen Werthaltungen und sozialen Praktiken diese Diffamierungen basierten. Damit leistet die Studie einen Beitrag zum Verständnis der ‚sozialen Grammatik’ der Republik im Feld der politischen Kommunikation.

Die inhaltlich systematisierende Darstellung der Diffamierungen Ciceros zeigt, dass es stereotype Argumente sind, mit denen Cicero sich bemüht, die fama seiner politischen und persönlichen Gegner im Senat, vor Gericht, in der Volksversammlung oder in seiner Korrespondenz zu erschüttern. Die Argumente berühren stets für die Selbstdarstellung der Elite zentrale Lebensbereiche (Kommensalität und Konsum, soziales Umfeld, Sexualverhalten), die hier als kulturspezifische Diskursfelder erfasst und untersucht werden. Es wird nachvollzogen, wie die Diffamierungen generiert und – je nach dem sozialen Profil des zu schmähenden Gegners und nach Adressatenkreis – unterschiedlich komponiert werden.

Die Ergebnisse sind in verschiedener Hinsicht aufschlussreich: Die Analyse der Diskursfelder zeigt, wie wichtig es für die politische Elite Roms war, sich in jenen Lebensbereichen nach bestimmten Verhaltensstandards zu bewegen, ohne dass freilich Konformität der Garant für Unangreifbarkeit gewesen wäre. Kulturgeschichtlich relevant sind die Ergebnisse über die symbolische Bedeutung von Sexualverhalten, von Kleidung und Konsum. Die Analyse von Inhalt und Form der Diffamierung macht nachvollziehbar, wie bestimmte Vorwürfe „funktionierten“, indem einige sittliche Devianz implizierten, andere gar mit Vergehen oder Straftaten assoziiert wurden. Die Studie leistet auch einen Beitrag zu einem veränderten Verständnis der Briefe Ciceros, die weniger als authentische und alltagsnahe Selbstzeugnisse, denn als stilisierte Abhandlungen über Verhaltensstandards gelesen werden müssen.