Österreich 2009

„Grüß Gott, Herr Kaiser!“ – Wien: Mehr als eine Residenz der Habsburger

Österreich-Exkursion vom 18. – 23. August 2009 (Wien und Carnuntum)

Vielleicht mag es dem Einen oder Anderen etwas sonderlich erscheinen, dass sich eine Exkursionsgruppe des Fachgebiets Alte Geschichte auf den Weg gen Süden macht um nach Wien zu reisen. Was hat Wien, fernab von den Zentren der antiken Welt wie Rom oder Athen, mit seiner schillernden und manchmal etwas speziell wirkenden Kultur mit der griechisch-römischen Antike zu tun? Eine kleine Exkursionsgruppe unter der Leitung von Herrn Page machte es sich zur Aufgabe, dieser Frage eine Antwort zu geben.

Als sich die Exkursionsteilnehmer am Morgen des 18. August 2009 vor dem Darmstädter Jugendstilbad trafen, sahen alle Vorzeichen dieser lang erwarteten Reise gut aus. Der Wetterbericht sagte für die kommenden fünf Tage zahlreiche Stunden Sonnenschein und wahrhaft sommerliche Temperaturen voraus – letzte waren jedoch während des Staus auf dem Weg nach Wien schon nach wenigen Stunden als eher belastend empfunden worden. Der im Kleinbus herrschenden gewaltigen Hitze zum Trotz begannen wir die Exkursion inhaltlich bereits auf der Hinfahrt. Unser erster Halt war die Walhalla bei Regensburg, die unter wolkenfreiem Himmel und wunderbarem Sonnenschein in glänzendem Weiß erstrahlte und schon kilometerweit vorher sichtbar bar. Die von König Ludwig I. von Bayern errichtete Ruhmes- und Ehrenhalle des deutschen Volkes (eigentlich: aller Deutschsprachigen) schien schon mit ihrer äußeren Erscheinungsform ein erstes antwortendes Stichwort auf die eingangs aufgeworfene Frage zu geben: Antikenrezeption. Erbaut in Form eines dorischen Tempels konnten wir hier die grundlegenden Prinzipien des antiken Tempelbaus studieren. Und auch im Innenraum der Walhalla war die Antike spürbar gegenwärtig: Sowohl die Architektur als auch die zahllosen Büsten der deutschsprachigen Größen, die hier aufgenommen wurden, hatten vielfach Anleihen an der griechisch-römischen Antike genommen. Dieses Bauwerk des bayrischen Königs, der zugleich auch der Onkel der späteren österreichischen Kaiserin Elisabeth („Sissi“) war, gab somit schon einen ersten Vorgeschmack auf die imposante Architektur, die in Wien noch folgen sollte. Nach der Ankunft in der Hauptstadt Österreichs wurde der Abend bei einem obligatorischen Wiener Schnitzel gemeinsam verbracht und somit der erste Exkursionstag erfolgreich abgerundet.

Der zweite Tag beinhaltete ein straffes, aber interessantes und hoch informatives Programm. Einer alten Tradition folgend begannen wir unsere Erkundung am Morgen in der Wiener Altstadt, bei der uns Christian Herkner in einer gelungenen und mit Fachkenntnissen nur so angereicherten Führung die bedeutendsten Bauwerke mit ihren architektonischen, dynastischen, politischen und gesellschaftlichen Hintergründen aufgezeigte. Wir sahen und besichtigen die Wiener Staatsoper, die Kapuzinergruft, den Stephansdom, die Augustiner- und die Michaelerkirche, die Hofburg, die Neue Burg und zahlreiche andere beeindruckende Bauwerke. Wir begannen Wien nicht nur als eine Großstadt der Gegenwart, sondern auch und in besonderem Maße als eine Metropole des 17. bis 20. Jahrhunderts zu begreifen. Wien erwies sich als ein gigantisches Museum der europäischen Baugeschichte und vor allen Dingen der Antikenrezeption des Klassizismus. Die Darstellung imperialer Baukunst, genutzt als machtpolitische Selbstdarstellung und Herrschaftslegitimation, spielte eben nicht nur in der Antike eine Rolle, sondern ist auch in der europäischen Moderne der letzten Jahrhunderte absolut präsent. Nach einer kurzen Stärkung, besichtigten wir die Schatzkammer, die sich in der Hofburg befindet, wo wir die ausgestellten Schätze der Habsburgermonarchie bewundern und studieren konnten. Neben prachtvollen Gewändern, Herrschaftsinsignien und königlich-kaiserlichen Besitztümern aus mehreren Jahrhunderten österreichischer Geschichte waren es vor allen Dingen die Insignien des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, die uns faszinierten und beschäftigten. Schade nur, dass letztere in der Schatzkammer der Hofburg fast schon nebensächlich in der Ecke eines Ausstellungssaales standen und wenig Beachtung fanden. Die Hofburg und das darin befindliche Ephesos Museum war der nächste Programmpunkt auf unserem Tagesplan (Frank Sohn). Die österreichischen Grabungen des 18. und 19. Jahrhunderts hatten zahllose Artefakte von der kleinasiatischen Küste nach Wien gebracht, darunter das berühmte, gigantische und eindrucksvolle Partherdenkmal. Nur der großzügigen und überaus gutgesonnenen „Kulanz“ des Wiener Museumspersonals verdankten wir es im Übrigen, archäologische Fundgegenstände und berühmte Skulpturen aus dem ausgegrabenen Ephesos interaktiv und audiovisuell zu erfahren – und das, obwohl wir unsere kleine „Privatführung“ nicht einmal angemeldet hatten (nebenbei bemerkt waren wir die einzigen Besucher an diesem Tag im Museum). Vor den Bauzäunen des Theseus-Tempels der leider gerade renoviert wurde, beendeten wir diesen Tag voller Eindrücke bei einem Vortrag und einer spannenden Diskussion über antike, heidnische Religion und deren Bezüge zur Gegenwart (Jan Dittrich). Nun ja, ganz beendet wurde der Tag eigentlich erst durch ein wunderbares Stück Sachertorte im Cafe des traditionsreichsten Hotels in Wien.

Tag 3 der Exkursion war gänzlich gefüllt mit dem Besuch des archäologischen Parks von Carnuntum, der ca. 50 km östlich von Wien liegt. Carnuntum selbst, die Hauptstadt der römischen Provinz Pannonia superior, erlangte vor allen Dingen durch die Kaiserkonferenz von 308 n. Chr. historische Bedeutung, bei der die Macht im Imperium Romanum unter den vier Mächtigen ihrer Zeit – Galerius, Maximinus Daia, Licinius und Konstantin – aufgeteilt wurde. Die Ruinen Carnuntums erstrecken sich über ein großes Areal längs der Donau. Ein kleiner Teil davon ist zu einem archäologischen Erlebnispark weitestgehend originalgetreu wieder aufgebaut worden. Dort können sich die Besucher in die tatsächliche Lebenswelt der antiken Bewohner der Stadt versetzen und hautnah erfahren, wie sich das Leben in einer römischen Stadt vollzogen hat. Durch eine fachliche hervorragende und menschlich wunderbare Führung von Dr. Dominik Maschek, einer der leitenden Archäologen vor Ort, konnten wir nicht nur den öffentlichen Teil des Parks, sondern auch aktuelle Grabungen an der Stadtmauer, an Wohnhäusern und im Militäramphitheater besichtigen. Wir begegneten dabei zwei, der Natur der Sache nach häufig konträren Methoden des archäologischen Arbeitens: Einerseits eine kommerzielle Vermarktung der Funde und Rekonstruktionen (dank derer nicht zuletzt die glänzende Anlage des archäologischen Parks Carnuntum überhaupt erst möglich wurde) und andererseits eine eher traditionelle, der Wissenschaft an sich verschriebenen Forschung an den Artefakten (die letzten Endes erst die großartigen Entdeckungen vor Ort zu Tage förderte). Diese beiden Arbeits- und Denkmethoden – in Carnuntum in symbiotischer Weise gewinnbringend für beide Seiten vereinigt – wurden in gemeinsamer Runde später interessiert und kontrovers diskutiert.

Am vierten Tag erfolgte ein regelrechter Museumsmarathon. Im Kunsthistorischen Museum, einem der bedeutendsten Museen der Welt, besichtigten wir die ägyptisch-orientalische Sammlung, die Antikensammlung (Georgios Kolivas) und die Gemäldegalerie (Frauke Hutmacher) – und somit nur einen Bruchteil der Schätze des Museums. Zahllose kostbare Ausstellungsstücke fanden innerhalb der prachtvollen Architektur des Gebäudes – selbst ein Denkmal der europäischen Baukunst – einen würdigen Ausstellungsort.

Der fünfte und zugleich letzte Tag begann mit einer Besichtigung von Schloss Schönbrunn, einem der Herrschafts- und Wohnsitze der Habsburger – bekannt durch die langjährige Residenz Kaiser Franz Josefs I. und vor allen Dingen seiner Frau Elisabeth („Sissi“). Das Barockschloss ist nicht zuletzt dadurch zu einem der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Wiens und Österreichs geworden – was man mühelos an den Besucherzahlen ab dem späten Vormittag ablesen kann. Wir nutzen die Kulisse von Schönbrunn, um uns bei einem beeindruckenden Ausblick auf die Großstadt Wien in die mittelalterliche und neuzeitliche Geschichte Österreichs zu vertiefen (Robert Eydam). Bevor wir nun die Rückfahrt nach Darmstadt antraten, war der letzte Programmpunkt der Exkursion noch die Besichtigung einer Live-Show von „Gladiatoren in der Arena“ im Amphitheater des archäologischen Parks von Carnuntum. Hier sahen wir mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wie Antike wahrhaft lebendig wurde, aber nur auf Kosten der Archäologie: Auf den Ruinen des Amphitheaters war eine baufällige Besuchertribüne errichtet worden – wer nicht dort hinaufsteigen wollte, musste wohl oder übel auf den Ruinen Platz nehmen. Die Darstellung an sich hingegen war eine technisch einwandfreie Veranschaulichung der antiken Kampfkunst, Waffentechnik und Ausrüstung. Durch die darstellenden Laienschauspieler gewann das ganze jedoch schnell den Charakter eines Schauspiels und es bleibt somit fragwürdig, ob das historisch nicht vorgeprägte Publikum hier einen richtigen Eindruck eines Gladiatorenkampfes (Katrin Bayer) erhalten hat.

Wir haben auf dieser Exkursion Wien als herausragendes Beispiel einer modernen Großstadt erkannt, in der die antike, mittelalterliche und moderne Geschichte Europas lebendig wird. Die habsburgerischen Kaiser hatten es sich zum Ziel gesetzt, Wien zum Zentrum ihres Reiches zu machen. Dabei, wie auch in ihrem Herrschaftsverständnis überhaupt, stützen sie sich auf Vorbilder der Antike. Ob es sich nun um Stadtplanung, Architektur, Kunst, Philosophie oder herrschaftliche Selbstdarstellung handelte: Die griechisch-römische Antike war in Wien allgegenwärtig. Die erlebten fünf Tage in Wien waren für uns alle ein abschließender Höhepunkt des Sommersemesters 2009 mit wahrhaft imperialen Eindrücken und zweifelsohne wunderbaren Erinnerungen an die gemeinsam erlebte Zeit.